Die Hochwasserkatastrophe im Landkreis Forchheim und Erlangen-Höchstadt in der Nacht vom 21. auf 22. Juli 2007

Das Unwetter im Landkreis Forchheim und Erlangen-Höchstadt, ausgelöst durch mehrere nahezu ortsfeste Starkregenereignisse, war das stärkste überregionale Ereignis in Franken seit Juli 1992 1. Die Flut kostete einer 82-jährigen Frau das Leben, Schäden über 110 Mio. Euro 2, und der größte lokale Feuerwehreinsatz seit mindestens 1992 waren die Folgen dieser Katastrophe.

 

 

Im Jahr 2007 fand eine ungewöhnliche Häufung von Unwettern statt. Los ging es bereits mit dem Orkan „Kyrill“ vom 18. auf 19. Januar, enormer Sachschaden war die Folge. Mitte Mai und im Juni gab es einige Gewitterstürme mit Hagel in Ober- und Mittelfranken, am 19. Juli im Bayreuther Raum die folgenschwere Superzelle3, kurz darauf eine Gewitterfront am 20 Juli und letztendlich Mitte August einen Hagelsturm im LK Kulmbach, bei dem der Hagel sogar mit Radladern weggefahren werden musste4.

Hauptschadensgebiet punktiert
Hauptschadensgebiet punktiert

Wie kam es nun zu den massiven Überflutungen besonders im Raum Baiersdorf? Die erste Vermutung, dass die Regnitz über die Ufer getreten ist, lässt sich als Falsch darstellen. Der Hochwasserpegel der Regnitz weiter Flussabwärts in Pettstadt zeigte nicht einmal die Meldestufe 1 an. Der Wasserstand stieg zwar am 22./23. Juli bis auf 300 cm an, diese Höhe bringt aber noch keine Überflutungen mit sich.

Pegel Pettstadt/Regnitz, Quelle: hnd.bayern.de
Pegel Pettstadt/Regnitz, Quelle: hnd.bayern.de

Die Ursache für die Überschwemmung muss man schon einige Tage oder sogar Wochen zuvor suchen. Tatsächlich gab es schon Anfang Juli ergiebigen Niederschlag, der die Böden sättigte. Eine Auswertung der DWD-Klimastationen Möhrendorf-Kleinseebach und Gräfenberg-Kasberg zeigt für Juli 2007 eine Regenmenge, die weit über dem langjährigen Soll liegt. So waren in Möhrendorf im Juli 210 % über der durchschnittlichen Menge gefallen, auch der Juni war schon 122 % darüber 5.

 

Einen Tag vor der „Katastrophennacht“ überquerte eine Gewitterlinie ganz Deutschland, deren Schwerpunkt dabei in Oberfranken lag. Vollgelaufene Keller gab es laut Meldungen der Polizeiinspektion Forchheim in Heroldsbach, Burk, Hausen, Forchheim und Effeltrich. Oberfrankenweit wurden Orkanböen gemessen. In der Niederschlagsgrafik unten kann man bei der Station Gräfenberg fast 20 mm Niederschlag ablesen.

 

 

Bevor also das Unwettertief des 21. Juli eintraf, war bereits eine nicht unerhebliche Menge an Regen gefallen, der jetzt schon bereits Keller überflutete.

Tägliche Regenmenge der Station Möhrendorf-Kleinseebach(blau) und Gräfenberg-Kasberg(rot)
Tägliche Regenmenge der Station Möhrendorf-Kleinseebach(blau) und Gräfenberg-Kasberg(rot)
Blitze der Squallline 20.7.2007, copyright Blids.de
Blitze der Squallline 20.7.2007, copyright Blids.de
Standbild Radarsequenz der Squallline am 20.7.2007,  copyright meteomedia
Standbild Radarsequenz der Squallline am 20.7.2007, copyright meteomedia

Betrachten wir jetzt den eigentlichen Tag, bzw. Nacht des Hochwassers genauer. Dabei muss man zwei Starkregenereignisse unterscheiden. Zum einen die durch das Unwettertief ausgelösten Einzellen von ca. 20 Uhr abends bis 22 Uhr, zum anderen das MCS mit eingelagerten Gewittern, das ab ca. 24 Uhr für Niederschlag sorgte. MCS: Mesoscale Convective System (Mesoskaliges Konvektives System) = Großes Gewittersystem

 

 

Die Gewitterzellen des späten Abends wurden dadurch zum Problem, dass sie nahezu ortsfest waren. D.h. Die Regenfälle kamen immer wieder an der gleichen Stelle herunter, weil die Zellen nicht weiterzogen, ja sich sogar immer wieder neu entwickelten. An der Wetterstation Möhrendorf kam so auch 73,5 mm Regen am 21. Juli zusammen, wobei das meiste innerhalb von 3 Stunden gefallen ist 5. Man muss bedenken, dass über dem Hauptniederschlagskern keine Wetterstation existiert, und somit keine Maximalmengen erfasst werden konnten. Dieses Maximum lag weiter östlich von Möhrendorf, ungefähr bei Marloffstein/Hetzles. Nicht verifizierbaren Angaben zufolge sollen bis zu 200 mm pro Stunde gefallen sein 6. In der Nacht ab ca. 24 Uhr kam dann schließlich noch weiterer Niederschlag aus Südwestlichen Richtungen durch das erwähnte MCS hinzu.

Radarsequenz ab 20.15 Uhr,  die Zellen im LK Forchheim haben die höchste Niederschlagsrate und bilden sich an gleicher Stelle immer wieder neu. Copyright meteomedia
Radarsequenz ab 20.15 Uhr, die Zellen im LK Forchheim haben die höchste Niederschlagsrate und bilden sich an gleicher Stelle immer wieder neu. Copyright meteomedia
ca. 2 Stunden später zog das MCS über die Region, auch hier starke Niederschlagssignale, copyright meteomedia
ca. 2 Stunden später zog das MCS über die Region, auch hier starke Niederschlagssignale, copyright meteomedia

Östlich des Regnitztales steigt das Gelände der Fränkischen Alb recht steil an, dadurch muss man auch von einem orografisch bedingtem Regenstaueffekt ausgehen. Auf jeden Fall aber wird sich sämtliches Wasser seinen Weg in Richtung Talgrund gebahnt haben. Das betroffene Gebiet wird zum einen vom Schlangenbach Richtung Baiersdorf, zum anderen vom Kreuzbach Richtung Effeltrich/ Poxdorf entwässert. Eine Überflutung des Ortskerns von Poxdorf Beispielsweise ist jedoch keine Seltenheit. Genannter Kreuzbach hat auch schon 1985, 1992 und 2003 für vollgelaufene Keller gesorgt.

 

Die gefallenen Regenmengen ließen in kurzer Zeit regelrechte Sturzbäche in die Dörfer ergießen, dabei sind viele Keller zügig vollgelaufen. Dies wurde einer 82-jährigen Frau aus Poxdorf zum Verhängnis, die offensichtlich in ihrer Kellerwohnung vom rasch steigenden Wasser überrascht wurde und ertrank. Das Landratsamt Forchheim erklärte schließlich um 23.25 Uhr den Katastrophenfall. Kurz darauf, um 1.41 Uhr wurde dieser auch in Erlangen-Höchstadt von Landrat Eberhard Irlinger ausgerufen, da die Stadt Baiersdorf langsam von der Außenwelt abgeschlossen wurde. Dort wurde der Katastrophenfall auch noch 3 Tage aufrechterhalten, um die Hilfe koordiniert ablaufen lassen zu können.

 

 

Die A 73 musste schließlich die ganze Nacht und am nächsten Morgen wegen Überflutung gesperrt werden, dabei mussten 200 Insassen von 70 Fahrzeugen mit dem Rettungsboot evakuiert werden. Ein im Bahnhof Baiersdorf stehender Zug mit 44 Reisenden musste ebenfalls evakuiert werden, da die Bahnanlagen vom Wasser eingeschlossen waren.

 

 

Neben den Schäden durch das Wasser in den Privathäusern und Gewerbebetrieben, konnte die Feuerwehr Baiersdorf noch 3 Brände in der Entstehungsphase bekämpfen. Diese wurden durch eintretende Feuchtigkeit in den Elektroanlagen ausgelöst. Außerdem mussten 6 Austritte von Gas- und Chemikalien bekämpft werden, sowie die Sicherung eines Kamins, der auf ein Wohnhausdach stürzte. Bezeichnend war der Schaden des Handygrosshändlers „Brodos AG“ in Baiersdorf. Dort wurden 15.000 Handys vom Wasser zerstört, der Finanzielle Schaden betrug mehrere Millionen Euro.

Bilanz des Unwetters:

  • 1 Tote in Poxdorf

  • 14 Mio. Euro Schäden im Raum Forchheim, 12 Mio. Euro davon Private Haushalte 7

  • über 100 Mio. Euro Schäden in ERH 8

  • 1400 Betroffene Haushalte in Erlangen-Höchstadt

  • 41 Feuerwehren mit 500 Feuerwehrleuten, 5 Ortsverbände des THW mit 135 Helfern, der Rettungsdienst mit 60 Helfern, 30 Polizeikräfte im LK Forchheim im Einsatz

  • 50 Ortsverbände der freiwilligen Feuerwehr, 3 Berufs- und 3 Werksfeuerwehren mit Insgesamt 900 Kräften, 30 THW-Verbände aus ganz Bayern mit 425 Kräften, der Rettungsdienst mit 140 und rund 100 Polizisten in ERH im Einsatz 

Mit bestem Dank und freundlicher Genehmigung der Feuerwehr Baiersdorf folgende Bilder:

Auf der A 73
Auf der A 73
A 73
A 73
A 73 am frühen Morgen des 22. Juli
A 73 am frühen Morgen des 22. Juli
A 73
A 73
A 73
A 73
Sonntag, 22. Juli
Sonntag, 22. Juli
Baiersdorf am Sonntag
Baiersdorf am Sonntag
Baiersdorf
Baiersdorf
Baiersdorf
Baiersdorf
Kläranlage Baiersdorf
Kläranlage Baiersdorf
Industriegebiet Baiersdorf
Industriegebiet Baiersdorf
Industriegebiet Baiersdorf
Industriegebiet Baiersdorf
Industriegebiet Baiersdorf
Industriegebiet Baiersdorf
Kreuzbach
Kreuzbach
Industriegebiet Baiersdorf
Industriegebiet Baiersdorf
Am Bahnhof Baiersdorf
Am Bahnhof Baiersdorf

Anmerkung:

 

Noch wochenlang nach der Sturzflut waren viele Keller vom Schmutzwasser verseucht, kleine Schnittwunden oder Verletzungen entzündeten sich bald, und mussten stationär behandelt werden.

 

 

Auch kleine, unscheinbare Bäche können extrem gefährlich werden, wenn sie sehr viel Wasser in kurzer Zeit abführen müssen. Ebenfalls können kleine Senken in der Geländeflur, die von der Straße gequert werden, über 1 Meter tief unter Wasser stehen. Das mussten auch die Führer eines Polizeifahrzeuges zwischen Langensendelbach und Bräunigshof erfahren.

 

 

 

Der Deutsche Wetterdienst räumte indes später ein, keine Unwetterwarnung für die Katastrophenregion gegeben zu haben. Für Samstag sei lediglich vor „kräftigem Gewitterregen“ gewarnt worden. 9

1 Cleopatra-Unwetter, Webseite „Unwetter Franken“ 

2 Landratsamt Forchheim und Erlangen-Höchstadt

3 Die Bayreuther Superzelle „Unwetter Franken“

4 Coburger Tageblatt 24.8.2007

5 DWD-Station Möhrendorf-Kleinseebach

6 Bericht des THW Forchheims am 22.7.2007

7 Landratsamt Forchheim

8 Feuerwehr Baiersdorf

9 Augsburger Allgemeine Zeitung, 23.7.2007


© unwetter-franken Juni 2016